Mobirise




Dunkle Gassen und gute Werbung


Ich glaube, jeder hat diesen einen Freund, mit dem jeder kleine Ausflug interessant wird. Auch ich kenne so jemanden und eines Tages fragte er mich:

"Hey, Flo, mein Chef ist ein Arsch, aber er muss mir das Benzin bezahlen, das ich mit dem Firmenwagen für private Wege verbrauche. Willst du noch irgendwohin, bevor ich kündige?"

Es wird wohl jeder verstehen, dass ich ihn nach dieser Aussage schlicht "einen Freund" oder "Kumpel" nennen werde.

Natürlich wollte ich "irgendwohin", und so führte uns dieser nächtliche Ausflug nach Hamburg zur Reeperbahn. Genauer gesagt, zum Beatles-Platz ganz in der Nähe der Reeperbahn. Der Plan war, die 5 Figuren dort zu fotografieren und wieder nach Hause zu fahren. Ich hätte allerdings nie diesen Text geschrieben, wenn dieser Plan aufgegangen wäre.


***

Die Ankunft

Das Prasseln des typischen Hamburger Regens auf der Windschutzscheibe ließ gerade nach, als wir die Reeperbahn erreichten. Die bunten Neonlichter tanzten in den letzten Tropfen, die über die weiße Motorhaube rannen, während wir auf der Suche nach einem Parkplatz langsam über den Asphalt rollten. Das Finden eines solchen gestaltete sich allerdings schwer, da wir – verpeilt wie immer – am Wochenende unterwegs waren und den Verkehr nicht bedachten.

Der Geruch nach feuchtem Asphalt und Fastfood stieg durch die Lüftung auf, als wir die Suche in einer schmalen Gasse fortsetzten. Die glatten Steine des unebenen Kopfsteinpflasters glitzerten im Scheinwerferlicht. Es war ungewöhnlich dunkel, dafür, dass nur ein paar Meter hinter uns ein Meer aus Neonlichtern die Umgebung fast taghell erleuchtete.
Als Beifahrer hatte ich nichts Besseres zu tun, als kindische Kommentare über die Namen der Etablissements und Straßen abzugeben, an denen wir vorbeikamen.

"Höhö! Guck mal! Der 'Silbersack'. Stell's dir mal bildlich vor."

Doch plötzlich versperrte uns eine dunkel gekleidete Gestalt mit einem lilafarbenen Halstuch den Weg. Das Tuch so weit ins Gesicht gezogen, dass nur noch die Augen hervorblitzten. Damit waren wir dazu gezwungen, langsamer zu fahren, als wir es ohnehin schon taten.

Das Licht der Scheinwerfer warf einen langen Schatten des Maskierten durch die Gasse. Und es folgten weitere. Eine Zweite, eine Dritte, bis wir von ungefähr 20 vermummten Menschen umringt waren, die alle die gleichen Farben trugen.
Mein Kumpel und ich hatten den gleichen Gedanken.

"Sind die Türen verriegelt?"

Waren sie. Die Männer traten an das Auto heran. Sie stützten sich auf das Dach und starrten durch die Seitenfenster. Das Auto rollte langsam weiter. Nur das leise Brummen des Motors war zu hören. Ansonsten: Stille. Keine Stimmen, keine Schritte auf den Steinen, nur das Brummen. Ich fragte mich, was als Nächstes passieren würde. Würden sie wohl versuchen, die Türen zu öffnen oder gar die Scheiben einzuschlagen?

Wir saßen auf dem Präsentierteller und wurden wie Tiere im Zoo beobachtet. Mein Kumpel hielt es zu diesem Zeitpunkt aus purer Höflichkeit für angebracht, sämtliche Maskierte zu grüßen und ihnen einen guten Abend zu wünschen. Er war schon immer sehr talentiert darin, Verwirrung zu stiften.

Mir war die Gefahr zwar durchaus bewusst, doch die Situation war so absurd, dass ich mir ein Lachen nicht verkneifen konnte. Bei diesem Anblick – ein freundlich grüßender Fahrer und ein lachender Beifahrer – dämmerte es den Maskierten wohl: Die zwei haben keine Ahnung, wo sie hineingeraten sind.

Bis heute wissen wir nicht, wer sie waren und warum wir ihr Interesse so sehr erregten. Sie verschwanden so schnell, wie sie erschienen waren. Wir hatten wieder freie Fahrt, doch die Nacht war noch lange nicht vorbei.


***

Geordnetes Chaos

Wir sahen ein, dass wir keinen Parkplatz in der Nähe unseres Ziels finden würden. Aber einfach wieder nach Hause fahren? Nein! Auch an den nahegelegenen Landungsbrücken fanden wir natürlich keinen Parkplatz. Trotzdem planten wir dort, wohin es als Nächstes gehen soll. Mitten im absoluten Parkverbot.

"Vielleicht sollten wir außerhalb parken und mit der Straßenbahn zurückfahren", schlug mein Kumpel vor, während ich das Laternenlicht auf dem feuchten Boden beobachtete.

Aber zu dieser späten Uhrzeit und in dieser Gegend? Wir sind zwar ein bisschen durchgeknallt, aber trotzdem wollten wir gern den nächsten Morgen erleben.

"Ich kenne eine Dorfkneipe in der Nähe, die regelmäßig als Kulisse von Serien dient", sagte ich. "Hat zwar schon geschlossen, aber so können wir uns wenigstens die Gegend ein wenig ansehen und fahren nicht völlig ziellos herum."

Ich habe nicht mitgezählt, wie oft mein Kumpel auf dem Weg zur Kneipe einen Kavaliersstart hinlegte. Wobei er stets darauf achtete, an unbelebten Orten zu sein. Denn wenn wir schon diese seltsame Art Humor haben, müssen wir andere damit nicht auch noch nerven. Aber da wir inzwischen über Dörfer tingelten und uns die meiste Zeit auf Landstraßen aufhielten, war das kein Problem.

Sein Spaß entstand wohl eher aus der Genugtuung, den Firmenwagen zu quälen. Aber auch darin, mich jedes Mal aufs Neue zu überraschen, wenn er die Reifen durchdrehen ließ. Besonders viel Spaß schien er zu haben, wenn ich gerade auf's Handy schaute und schon wieder in den Sitz gedrückt wurde, während die Reifen schrien und der Geruch von heißem Gummi langsam ins Auto drang. Ich gebe zu, das lenkte mich dann doch ein kleines bisschen von der Navi-App oder der Informationssuche ab.

Ich selbst fand den Spaß eher in dieser Achterbahn-ähnlichen Erfahrung, in der Übertreibung, dass er jede Gelegenheit nutzte, um die Kupplung fliegen zu lassen. Aber auch darin, trotz dieses Chaos noch handlungsfähig zu sein – zumindest einigermaßen, wenn ich mich nicht gerade über den Blödsinn, den wir da veranstalteten, kaputtlachte.
Dass die Reifen nach dieser Tour allerdings überhaupt noch ein Profil besaßen, grenzte an ein Wunder. Vermutlich war ihm sein Chef noch unsympathischer, als ich dachte.

Irgendwann standen wir also auf dem stockfinsteren Schotter-Hof vor der geschlossenen Kneipe, über den inzwischen einige Nebelschwaden zogen.

"Tja … Ähm, waren wir jetzt auch mal zusammen hier", sagte ich, wohl wissend, dass wir im Grunde nur auf einem Parkplatz standen. Er grinste und tippte schon wieder auf seinem Handy herum, um das nächste Ziel zu suchen.

"Es gibt einen Wildtierpark in der Nähe", sagte er. "24/7 geöffnet und sogar kostenlos"


***

Eine seltsame Begegnung

Inzwischen waren wir bereits einige Stunden unterwegs. Die menschenleere Landstraße unter dichtem Nebel. Da wir konsequent jede Toilette ignoriert hatten, überkam uns langsam ein dringendes Bedürfnis. Als wir bereits fürchteten, die Sitze des Firmenwagens zu ruinieren, verkündete mein Kumpel entschlossen, als hätte er gerade eine Lebensentscheidung getroffen:

"Ich fahre jetzt rechts ran!"

Naja, es war eher links. Er parkte auch nicht längs zur Straße, sondern fuhr in eine Radweg-Auffahrt – eines dieser kurzen Verbindungsstücke zwischen Fahrradweg und Straße. Das Auto stand nun quer zur Straße, halb auf einem Fahrradweg. Wir stellten uns vor das Auto, um im Licht der Scheinwerfer zu tun, was zu tun war.

Ausgerechnet in diesem Moment durchbrach das Licht eines anderen Autos den Nebel. Als es näherkam, folgte ich dem Beispiel meines Kumpels, der in Hamburg die Maskierten so freundlich grüßte, und hob meine Hand, um dem Fahrer eine gute Reise zu wünschen. Dieser verstand mich aber scheinbar falsch, dachte, wir hätten eine Panne, hielt direkt hinter uns an und sprach uns an.

"'N Abend"

Die Begrüßung klang eher wie eine Frage. Mein Kumpel antwortete in einem Tonfall, der an einen Soldaten erinnerte, der einen Befehl bestätigte.

"Moin!"

"Ähm, braucht ihr Hilfe?"

Man hörte immer noch deutlich das Plätschern auf den Sandboden neben dem Fahrradweg und konnte gut erahnen, was wir da eigentlich taten.

Mein Kumpel: "Nö!"

Ich konnte mir ein Lachen nur mit Mühe verkneifen und sagte kein Wort. Der hilfsbereite Fahrer hatte inzwischen vermutlich den wahren Grund erkannt, aus dem wir da standen, und brachte nur noch ein zögerliches

"Okayyy … Schönen Abend noch."

Hinaus, bevor er das Fenster schloss und weiterfuhr. Ob er wohl lachte, als er wieder unterwegs war, oder ob er dachte:

"Was für Spinner! Ich biete nie wieder mitten in der Nacht meine Hilfe an."?

Vielleicht beides.

Als wir wieder ins Auto steigen wollten, brach mein Kumpel in lautes Gelächter aus. Auf meinen fragenden Blick hin erklärte er mir:

"Überleg mal, was wir heute alles gemacht haben. Wir sind über die Reeperbahn gefahren, wurden von maskierten Typen umringt, sind, wo es nur ging, mit quietschenden Reifen angefahren und dann diese Geschichte von eben. Guck dir mal die Seite des Autos an."

Als ich sah, was er meinte, musste auch ich laut lachen. In großen Buchstaben, die sich über die ganze Seite des Kombis zogen, stand dort der Firmenname seines Arbeitgebers.

"Wir haben heute echt gute Werbung für die Firma gemacht."

Witzelte er und wischte sich die Tränen aus den Augen, während wir schon wieder weiterfuhren.


***

Der Wildtierpark

Wir wunderten uns über das helle, aber gemütliche Licht und die dröhnenden Bässe der Musik im Gemeinschaftshaus, als wir auf dem Weg zum Park daran vorbeigingen. Offensichtlich eine Party fernab von den grell beleuchteten, lauten Städten, aber auch von den ruhigen Dörfern.

Der Park war im Grunde nur ein eingezäunter Wald. Taschenlampen? Nicht vorhanden. Dafür aber ein Handy mit einem schwachen Lämpchen und einem Akku, der um Gnade bettelte. Ich genoss die feuchte Luft, die nach Laub und Erde nach einem Regenschauer roch.

"Da raschelte was. Leuchte mal in die Richtung", flüsterte ich fast, um die Tiere nicht zu verscheuchen.

Aber die kleine Handylampe verschaffte uns in der Finsternis kaum mehr als 2 Meter Sicht. Zu wenig, um Tiere erkennen zu können. Wahrscheinlich wurden wir stattdessen sogar gerade von ihnen beobachtet, während sie dachten:

"Guck dir diese beiden Idioten an. Heißt es nicht, Menschen seien intelligent?"

Aus der Ferne drangen noch immer leise die wummernden Bässe der Party herüber, als plötzlich etwas den schwachen Schein der Handylampen reflektierte. Ein Info-Schild. Also lasen wir. Der Text auf dem Schild handelte von den Rehen, Füchsen und anderen Tieren des Waldes. Mitten in der Nacht standen wir da. Mit einer Handylampe. In einem Wald. Und wir lasen über die Waldbewohner. Manchmal frage ich mich, ob ich Kurse geben sollte, wie man das Leben genießt, oder ob ich mir doch lieber Hilfe suchen sollte.


***

Der Rückweg

Als wir uns wieder auf der Autobahn in Richtung Heimat befanden, dudelte aus dem Radio irgendeine Melodie, die wir beide als am wenigsten störend empfanden. Denn mein Kumpel und ich haben völlig unterschiedliche Musikgeschmäcker, was die Musikauswahl auf solchen Ausflügen nicht gerade vereinfacht. Wir ziehen uns schon seit Jahren damit auf, dass der jeweils andere Störgeräusche statt Musik hört oder dass die Lautsprecher kaputt sein müssen, bei den Geräuschen, die sie von sich geben.

Im Vergleich zur bisherigen Tour war es eine ruhige, entspannte Fahrt. Aber als die Geschwindigkeitsbegrenzung aufgehoben wurde, beschloss er, zu testen, wie schnell der Firmenwagen tatsächlich war. Die Nadel des Tachos kletterte immer höher. Der kleine Motor schien uns anzuschreien:

"Macht langsamer! Ich kann nicht mehr!"

Nach einer Weile mit diesem leicht erhöhten Tempo hörte ich allerdings etwas: ein Pfeifen, das lauter zu werden schien.

"Sag mal, wird der Turbo immer lauter?", fragte ich.

"Ja, ich höre das auch. Sollte ich mal langsamer fahren?"

Wir überlegten länger, als wir hätten sollen, um dann doch eine gemeine Entscheidung zu treffen.

"Hmm, ist doch ein Firmenwagen, oder?!", antwortete ich.

"Hast recht!", stimmte mein Kumpel mit einem Grinsen zu, in dem ich eine ganz schon schadenfrohe Genugtuung zu erkennen glaubte.

Aus heutiger Sicht vielleicht nicht gerade die moralisch sauberste Entscheidung.

Wir fuhren allerdings nur noch kurze Zeit so weiter, bis wir einen McDonald's auf einem Rastplatz entdeckten und für ein spätes Abendessen – oder sehr frühes Frühstück – dort anhielten. Nachdem wir indirekt, aber freundlich darauf hingewiesen wurden, dass die Angestellten nun auch gern Feierabend machen würden, indem man uns mit starrem Blick mitteilte:

"Wir schließen schon mal ab. Sagen Sie bitte Bescheid, wenn Sie gehen möchten!"

Ließen auch wir die Nacht auf den letzten paar Kilometern mit einem Rückblick auf das Erlebte und ein paar kindischen Witzen ausklingen.

***

Fotos?

In dieser Nacht habe ich kein einziges Foto gemacht, obwohl die Kamera die ganze Zeit im Kofferraum lag. Aber was hätte ich auch fotografieren sollen? Die Maskierten? Das wäre wahrscheinlich meine letzte, aber auch coolste Aktion gewesen.
Ich öffne die Tür und dränge mich zwischen ihnen hindurch.

"Moin, ich muss mal kurz an den Kofferraum. Ihr habt doch nichts gegen ein paar Fotos, oder?"

Hätte ich ein Selfie von uns auf der Landstraße vor dem Auto machen sollen, mit dem Helfer im Hintergrund? Vielleicht doch kein Moment, den man auf einem Foto festhalten sollte.

Ein Foto im Wald wäre bestimmt auch "interessant" geworden. Rabenschwarz, nur mit einem Lichtschein in der Mitte und der Erklärung: "Der weiße Punkt ist das Handylicht meines Kumpels".

Heute – nach ca. 8 Jahren – wissen wir immer noch nicht, was die Maskierten von uns wollten und wer sie waren – nicht dass wir irgendwann mal versucht hätten, das herauszufinden. Aber wir hoffen, dass der freundliche Helfer sich von uns nicht abschrecken ließ, weiterhin seine Hilfe anzubieten, wenn er mitten in der Nacht ein komisch geparktes Auto am Straßenrand sieht. Und wir hoffen auch, dass er nicht noch mehr solcher Momente erleben musste … Es sei denn, er fand es selbst lustig.
Bis heute war ich nicht auf dem Beatles-Platz. Aber diese Nacht bleibt unvergessen.





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