Mobirise




Zwischen Zeit und Tinte


Es hing ein elektrischer Geruch in der feuchten Luft wie nach einem Gewitter in einer viel zu kalten Sommernacht. Der nasse Sandboden schmatzte bei jedem Schritt, den der Fotograf auf ihm setzte. Er bewegte sich vorsichtig zwischen den vorbeistampfenden Caonangs – gigantischen Wesen mit grauem, langem Fell. Das kalte, blau schimmernde Mondlicht warf Schatten darauf, die wie Wellen durch einen Ozean rollten, während jeder Schritt von ihnen den Boden erzittern ließ. Intelligent sind sie, ja. Friedlich auch. Aber manchmal vergessen sie, dass nicht alle Anwesenden ihre imposante Größe besitzen.

Über einigen Tischen der Händler schwirrten flinke, warm leuchtende Wesen, die dem Volk der Ligria angehörten. Ihre libellenartigen Flügel glitzerten in ihrem eigenen Licht, während sie neugierig all die Geräte und kleinen Utensilien betrachteten, die zum Verkauf standen. Manchmal sind sie jedoch etwas ungeschickt – sehr zum Ärger der Händler.

Auch der Fotograf hatte ein eigenartiges Gerät entdeckt, das sein Interesse weckte. Aus allen Richtungen drangen Gesprächsfetzen von Käufern und Händlern zu ihm, die leidenschaftlich und mit voller Hingabe Preise aushandelten. 


Spannender war jedoch das würfelförmige Gerät, auf dessen Oberfläche tausende winzige Leitungen verliefen, die ein komplexes Labyrinth bildeten. Ein kupferfarbener Trichter – wie von einem Grammophon – schlängelte sich über eine Seite des Würfels bis nach oben.

„Interessant“, murmelte er, scheinbar genau wissend, was er da in Händen hielt. „Aber für mich unbrauchbar.“

Es gab noch viel zu sehen und so zog er weiter durch das Geschrei, den Matsch; durch die Neugier der Käufer und die nicht erzählten Erinnerungen, die die angebotenen Waren in sich trugen.

Ein Asparianer fuchtelte mit seinen drei armen wild über den Tisch, während er einen interessierten Käufer in einem rauen Ton erklärte, warum sein Preis gerechtfertigt sei. Eine Verhandlung mit diesen breit gebauten, dunkelgrauen Wesen sieht oft so aus, als würde jeden Moment dem Kunden eine Faust ins Gesicht fliegen. Der Käufer muss die Asparianer also gut gekannt haben. Ansonsten hätte diese schmale Gestalt – die gänzlich aus grünem Glibber zu bestehen schien – nicht so entspannt mit den Händen in den taschen abgewarten, bis diese "Erklärung" beendet war.

Der Fotograf nahm diese Szene allerdings kaum wahr, denn er ist auf einen Stand aufmerksam geworden, der hier scheinbar nicht hingehörte. Er war anders als die anderen – unauffälliger, ruhiger.

Der Blick des Fotografen wanderte über antiquierte Technik von unterschiedlichen Planeten, Küchenutensilien – zumindest glaubte er, dass es welche waren – und eine Voodoo-Puppe

So ein Quatsch! Als würde es Sinn machen, eine solche Puppe einfach so zu kaufen.

Und als einer der Ligria versehentlich ein Steuermodul umstieß, das über den kleinen Tisch kullerte, entdeckte er ihn. Einen alten, irdischen Stift. Ein Füllfederhalter mit einer bewegten Vergangenheit, der mehr Geschichten zu erzählen hatte als so mancher Mensch.

Vorsichtiger als nötig nahm er den schwarz-grauen Stift in die Hand und schaute ihn an, wie einen alten Freund.

„Da bist du ja wieder. Wo hast du nur all die Jahre gesteckt?“

Das Mondlicht glitzerte auf der geriffelten Oberfläche des Füllers. So konnte man auch die abgegriffenen Stellen und kleinen Kratzer erkennen, die dieser Stift im Laufe der Jahre sammelte, wie Erinnerungen.

„Wie viele Geschichten und Gedanken hast du inzwischen wohl schon zu Papier gebracht? Durch wie viele Hände bist du bereits gegangen? Und wie bist du bloß hierher gekommen?“, fragte sich der Fotograf leise.

Und so stand er da, den Füller langsam zwischen den Fingern drehend, und erinnerte sich an all die Abenteuer, Begegnungen und Gespräche, die ihm niemand glauben würde. All das hielt dieser Stift fest. Bis zu dem Tag, an dem der Fotograf beschloss, zur Erde des 19. Jahrhunderts zu reisen. Den Ursprungsort des Füllers – auch wenn er erst viel später auf dieser blauen Kugel gefertigt werden sollte – und einer besonderen Begegnung.

„Ist es wirklich schon so lange her?“, murmelte er, worauf ein Lächeln über sein Gesicht huschte. „Wie absurd muss es für einen Außenstehenden klingen, wenn ein Zeitreisender darüber spricht, dass ihm die Zeit zu schnell vergeht? Dazu noch bei meiner hohen Lebenserwartung.“

Doch seine Gedanken sprangen gleich wieder zurück zu dieser Begegnung, diesem Mann, der zwar kein Vermögen besaß – ja, sogar bettelarm war –, doch dafür reich an Ideen und Geschichten. Fasziniert davon, dass er schreibt um des Schreibens willen, schenkte er ihm diesen Stift, mit dem er selbst schon so viele unglaubliche Erlebnisse zu Papier gebracht hatte Eine Anerkennung für einen Menschen, der für eine Sache brennt, ohne dass sie ihm Geld oder Anerkennung brachte – nur klare Gedanken.

„Sie interessieren sich für den Stift?“, fragte die Händlerin mit einer auffallend ruhigen Stimme im Vergleich mit den anderen Händlern.

Der Fotograf – von ihren Worten aus seinen Erinnerungen gerissen – schaute auf und sah in ein hellgrau gefiedertes Gesicht, in dem man hier und da einen schwarzen Punkt entdecken konnte. Mund und Nase deuteten sich nur durch leichte Erhebungen an und um die braunen Augen waren die Federn weiß wie frisch gefallener Schnee.

„Also“, fragte sie höflich nach, „möchten Sie ihn kaufen?“, wobei ihre gelben Lippen durch die Federn blitzten.

Er sah sich noch einmal den Stift an, mit einem Blick, der tief durch die Zeit und vielleicht sogar durch die eine oder andere Dimension zu schauen schien.

Und irgendwo zwischen Zeit und Raum sitzt der Fotograf. Vor ihm Seine Kamera, ein Stapel Fotos und ein Bogen Papier. Und mit einem Stift, der durch das halbe Universum reiste, schreibt er die Geschichten zu den Fotos auf. In der Hoffnung, dass sie irgendwo jemanden zum lächeln, staunen oder nachdenken bringen. 

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