Der ewige Fotograf in Cyber City - Teil 2

Es war schon spät, als der Fotograf an Pax' Werkstatt ankam. Sie lag etwas außerhalb der Stadt, der Mond ging gerade auf, und ein leichter Windstoß ließ den kristallartigen, blau schimmernden Staub aufwirbeln, der sich rings um den Servicehangar gesammelt hatte. Kaum zu glauben, dass es so einen ruhigen Ort auf diesem Planeten gab. Doch plötzlich wurde die Stille von einem lauten Knall zerfetzt, gefolgt vom Klirren eines Schraubenschlüssels, der auf dem Betonboden aufschlug. Dicker, schwarzer Qualm kroch unter dem großen Eingangstor der Werkstatt hervor, während ein unregelmäßiges mechanisches Kreischen aus der Werkstatt drang, das wie Fingernägel auf einer Schiefertafel klang. Einen kurzen Moment machte sich der Fotograf Sorgen – allerdings nur, bis er Pax laut durch die Halle fluchen hörte:

„So eine verdammte Scheiße!“

Kurz darauf öffnete sich das große Rolltor. Pax stand mit einem alten Lappen in der Hand und einem genervten Ausdruck in seinem verrußten Gesicht vor dem Fotografen und versuchte, sich so herzurichten, dass er wieder wie ein Mensch aussah – zumindest ansatzweise.

„Ich komme später wieder“, meinte der Fotograf – sehr bemüht, vor Lachen nicht in Tränen auszubrechen.

„Hör auf, so dämlich zu grinsen, und komm rein!“, knurrte Pax, während hinter ihm immer noch Rauch aus einer Maschine zischte, wie aus einer alten Dampflokomotive.

* * * 

Mobirise

Der Mondi stand im halbdunklen, hinteren Teil der Werkstatt. Um ihn herum war noch das Werkzeug verstreut, das für die Reparatur benötigt wurde. Der Fotograf strich ihm sanft über das reparierte Triebwerk. „Wie neu“, murmelte er dabei zu ihm. „Naja, für uns zumindest.“

„Wie oft willst du ihn eigentlich noch fast töten?“, hallte Pax’ Stimme aus einer anderen Ecke des Hangars.

„Die Frage ist eher, wie oft er mich noch rettet.“

„Bist du wieder mit den Entruxia aneinandergeraten? Wie damals, als sie dir bei deinem Besuch auf Entruxus-11 das Trinex-Modul auseinander genommen haben?“

„Haha! Das war ein wilder Ausflug“, erinnerte sich der Fotograf schmunzelnd.

* * *

Entruxus-11. Ein Planet, auf dem die Natur gedeiht und der Blick in die Ferne schweifen kann – wenn nicht gerade riesige Pflanzen die Sicht versperren. Der Fotograf hatte von den dort lebenden Naturvölkern gehört und war fest entschlossen, sich einen eigenen Eindruck des Planeten zu machen. Der Mondi landete sanft im hohen Gras – vielleicht etwas zu hoch. Denn er war darin kaum noch zu sehen. Naja, immerhin war er gut getarnt – nur die Antenne, die für die Verständigung zwischen den Dimensionen benötigt wurde, ragte noch ein Stückchen hervor – außerdem empfängt sie irdische Oldies. Der Reisende schnappte sich also seine Kamera – die wie gewohnt in der grünen Tasche auf ihren Einsatz wartete – und zog los. Er wanderte vorbei an riesigen Bäumen, an denen dreieckige Blätter wuchsen und sich Schlingpflanzen bis in die Kronen hinaufschlängelten. Unter den Füßen knirschte es bei jedem Schritt, als ob man auf frischem Schnee trat – was bei den fast tropischen Temperaturen allerdings ausgeschlossen war. Von Weitem vernahm er die Geräusche eines Tieres, das sich anhörte wie eine Mischung aus Kuckuck und Wellensittich, während fledermausartige Lebewesen über ihm hinwegflogen.

Nachdem er stundenlang durch diese atemberaubende Landschaft gewandert war, entdeckte er endlich kleine Hütten, die an Tipis erinnerten. Davor saßen kleine Wesen mit großen, gelben Augen, spitzen Ohren und kurzem Fell. Gerade als der Fotograf sich orientieren wollte, raschelte es im Dickicht direkt neben ihm. Er war entdeckt – wahrscheinlich schon seit einer ganzen Weile. Der pelzige Bewohner des Dorfes musterte ihn neugierig, um schließlich festzustellen, dass offenbar keine Gefahr von dem Besucher ausging. Schließlich nahm er ihn mit ins Dorf, wo er herzlich und mit schier unendlicher Neugier begrüßt wurde. Am Abend wurde ein großes Feuer entzündet, um das sich alle versammelten. Mit Händen und Füßen verstanden sie sich sogar – trotz aller Sprachbarrieren.

„Das ging so lange gut, bis einer von ihnen die Kamera entdeckte“, berichtete der Fotograf weiter. „Als ich sie ihnen vorführen – und ganz nebenbei ein Foto für meine Sammlung schießen wollte – begann das Chaos. Ich hatte nicht daran gedacht, dass sie so etwas wie Technik nicht kannten. Als ich ihnen das Bild auf dem kleinen Display zeigte, hielten sie mich wohl für so eine Art Hexer und baten mich freundlich – mit ihren Speeren – zu gehen. Vielleicht war ich etwas zu unbesorgt. Ich war schneller wieder zurück am Mondi, als gedacht. Da sah ich, dass einige Entruxia den Mondi entdeckt hatten. Und neugierig, wie sie waren, hatten sie mir das halbe Trinex-Modul zerpflückt. Vor der Technik hatten sie natürlich keine Angst.“

Pax’ Lachen schallte durch die ganze Werkstatt.
„Die sind mit Speeren auf dich losgegangen und haben den Mondi zerlegt?“, fragte er, während er sich ein paar Tränen wegwischte.

Der Fotograf stand inzwischen am Mondi und zog aus einem kleinen Fach im Kofferraum eine Flasche trinetonischen Schnaps.

„Japp, das war ein holpriger Flug hierher.“

Pax war inzwischen auf der Suche nach zwei Gläsern, die er schließlich aus einem Haufen alter Zeitschriften, übrig gebliebener Schrauben und einiger Ersatzteile kramte.

„Du trinkst, obwohl du gleich noch fliegst?“, fragte er schelmisch.

„Der Mondi ist alt genug, um alleine zu fliegen.“

„Wo hast du diesen einzigartigen Schrotthaufen eigentlich her?“

Der Fotograf hob eine Augenbraue, während er leicht grinste.
„Hey, er mag es nicht, wenn man so über ihn redet.“

„Oh, ich bitte um Verzeihung! Wo habt ihr euch denn kennengelernt?“, scherzte Pax.

„Ich fand ihn in einer Dimension, in der sie den Autos das Fliegen beigebracht hatten. Sie haben sie einfach so lange weiterentwickelt, bis man mit einem Auto morgens zur Arbeit um die Ecke fliegen und am Wochenende die Oma auf Vintox besuchen konnte.“

„Du hast den Mondi aus einer Dimension, in der Autos fliegen konnten?“

„Nur die Fließhecks. Die Kombis waren zu schwer.“

„Oder zu vernünftig“, wandte Pax nach einer kurzen Pause ein, während er einen Schluck aus seinem Glas nahm.

„Es ist eine sehr interessante Dimension“, fuhr der Fotograf fort, als ob er Pax’ Kommentar nicht gehört hätte. „Du solltest sie auch mal besuchen“, sagte er – wohl wissend, dass Dimensionsreisen trotz aller Technologie nur einer Handvoll Lebewesen in der Galaxie vorbehalten waren. Und das war schon eine sehr großzügige Schätzung.

Pax ließ diese kleine Stichelei wortlos über sich ergehen.

„Du könntest ja mal mitkommen“, bot der Fotograf vorsichtig an. „Ich habe dort nicht nur den Mondi gefunden, sondern auch eine sehr weise Lichtsammlerin.“

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Zu einer Zeit, in der der Fotograf noch per Anhalter und mit Hilfe der seltsamen Technik seiner Kamera reiste, hörte er von einem Planeten, auf dem Licht als eine Art Währung benutzt wurde. Einige Einheimische wussten aber auch um die Geheimnisse und Geschichten zu berichten, die es in sich trug.

Er erreichte Luminaris mitten in der Nacht, die auf diesem Planeten mehrere Erdenwochen dauerte. Nachts reiste er ohnehin am liebsten, um die Ruhe zu genießen. Es war also die perfekte Zeit – aber nicht nur wegen der Ruhe. Es schimmerten Lichter in allen Farben, die man sich vorstellen konnte, über den sternenübersäten Himmel. So wanderte der Fotograf vorbei an Feldern mit kornähnlichen Pflanzen, die sich sanft im Wind wiegten und bis zum Horizont zu reichen schienen. Flüsse plätscherten durch das Land, in denen sich das Farbspiel des Himmels verzerrt in den Wellen spiegelte. 

Die Sicht zum Horizont wurde nur gelegentlich von einigen Bäumen unterbrochen, an denen der Wind warmgelb leuchtende Samen vorbeitrug. Als der Fotograf in der Ferne ein weiteres Licht aufleuchten sah, das scheinbar zu einem Haus gehörte, lenkte er seine Schritte darauf zu – in der Hoffnung, eine bescheidene Unterkunft zu finden. Andernfalls müsste er die Nacht – oder besser: die Stunden, die er für seine Schlafenszeit nutzen wollte – unter freiem Himmel verbringen, was bei diesem Anblick allerdings nicht tragisch gewesen wäre.

* * *

Offenbar gehörte das Licht zu einem Haus, das an eine Farm erinnerte. Das Grundstück schwamm wie eine Insel im Meer der Felder. Durch eine Glastür konnte der Fotograf jemanden an einer alten Werkbank sitzen sehen. Gespannt, ob man ihm einen Platz zum Schlafen überlassen würde, klopfte er an. Die Frau an der Werkbank erschrak durch das unerwartete Klopfen zu so später Stunde – wobei man nie genau wusste, ob für die Einheimischen gerade Schlafens- oder Arbeitszeit war. Sie öffnete die Tür einen kleinen Spalt und bat den unbekannten Wanderer nach einer kurzen Erklärung herein.

Während der Tee zog, den sie dem Fotografen und sich selbst servierte, setzte sie sich wieder an ihre Werkbank. Darauf lagen allerlei kleine Werkzeuge, – für den Fotografen – unidentifizierbare Kleinteile, und inmitten dieses strukturierten Chaos leuchteten kugelige Glasgefäße. Darin waren keine Glühbirnen oder irgendetwas Elektronisches – es war pures Licht. Ein faszinierender, einmaliger Anblick – sogar für jemanden, der schon so weit gereist war. Die neugierigen Blicke des Fotografen blieben der Dame nicht verborgen.

„Dieses Licht war Zeuge unzähliger stiller Helden. Es ist viele Lichtjahre gereist und trägt immer noch die Geschichten in sich, die es einst beleuchtete“, sagte sie, während sie es mit großer Sorgfalt sortierte.

„Von Menschen, die vom Glück übersehen, vom Schicksal hart getroffen wurden – und trotzdem ihren Weg gingen. Sie waren für andere da, obwohl sie selbst müde waren vom ständigen Kampf.“

„Das hört sich nach einer deprimierenden Geschichte an“, stellte ihr Gast betroffen fest.

„Weil du noch nicht erkennst, wie inspirierend sie sein kann. Es kann nicht immer alles gut laufen“, erklärte sie mit ruhiger Stimme.
„Menschen werden von Krankheiten heimgesucht, von denen sie sich nie vollständig erholen. Familien zerbrechen, Freundschaften verblassen – aber von irgendwoher haben sie die Energie, weiterzumachen. Zu lernen, zu helfen – da zu sein.“

„Und wie sammelst du das Licht?“

Sie lächelte. „Ach, das ist eine Fähigkeit, die viele auf Luminaris haben.“

Offensichtlich bewahrte nicht nur der Fotograf seine Geheimnisse sehr gewissenhaft.

Über dieses Gespräch dachte er noch lange nach, bevor er einschlief. Am nächsten Tag – oder was auch immer gerade war – erkundete er mit Erlaubnis der Lichtsammlerin die große Scheune, die direkt neben ihrer Werkstatt stand. In ihr standen riesige Maschinen, die – so vermutete er – zur Ernte der Felder dienten. Mit Sicherheit konnte er es aber nicht sagen. Eine von ihnen kroch tief am Boden und hatte Ähnlichkeit mit einem Skorpion. Eine andere war so groß, dass sie kaum durch das Tor der Scheune passte. Sie bewegte sich mit Ketten fort anstatt mit Rädern. Mittig auf der Rückseite war eine Art Ventilator angebracht, und ein Rohr erhob sich fast bis unter die Decke. Hinter den ganzen Maschinen war etwas mit einem Tuch abgedeckt.

„Du willst mir aber nicht erzählen, dass du den Mondi darunter gefunden hast, wie in so ’ner drittklassigen Hologramm-Show?“, unterbrach Pax, als er dem Fotografen und sich selbst noch ein Glas einschenkte und dabei genüsslich an seiner Zigarette zog.

„Doch. Genau da fand ich ihn. Ich schaute ihn mir gerade genauer an, als ich hinter mir plötzlich die Stimme der Lichtsammlerin hörte:

'Wenn du ihn reparieren kannst, gehört er dir.‘

Da war irgendeine Art Verbindung zwischen ihm und mir. Deshalb ließ ich mir das nicht zweimal sagen. Eine Woche habe ich Kabel gelötet, die von Mäusen durchgebissen wurden.“

„Mäuse auf Luminaris?“

„Mäuse gibt es überall.“

Pax klopfte ihm auf die Schulter, bevor er schlafen ging. „Das erste von vielen Abenteuern mit dem Mondi – Kabel löten.“

Der Fotograf lächelte, streichelte dem Mondi über die Haube und dachte an seinen ersten Flug mit ihm.

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Unter den bunten Lichtern, die noch heller zu leuchten schienen als bei seiner Ankunft auf Luminaris, startete er zum ersten Mal die Triebwerke. Sie sprotzten, bis der Staub vieler Jahre aus ihnen wich. Der Fotograf jubelte leise. Die Triebwerke surrten jetzt ganz ruhig und glühten blau auf. Ein letzter, dankender Gruß an die Lichtsammlerin.
Voller Schub – auf ins Unbekannte.

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